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Animal Man #1 - "The Hunt, Part One: Warning From The Red"

Animal Man 01

Autor: Jeff Lemire

Zeicher: Travel Foreman

Inker: Travel Foreman und Dan Green

Farben: Lovern Kindzierski

Editor: Joey Cavalieri

Erscheinungsdatum: 07.09.2011

Rezension von Michael Heide


Was bisher geschah:

Stuntman Buddy Baker bekam einst die Fähigkeit, die Eigenschaften unterschiedlicher Tiere anzunehmen. Die proportionale Kraft einer Ameise, die Geschwindigkeit eines Geparden, das Fliegen eines Vogels, und so weiter. Zwar bekämpfte er das Verbrechen, doch sein Status als Superheld war immer zweitrangig. Oberste Priorität hatte stets seine Familie.

Meine Erwartung vor dem Lesen:

Grant Morrisons Animal Man Serie war immer einer der Höhepunkte seiner ohnehin beeindruckenden Karriere als Autor. Er nahm einen etwas langweiligen Silver Age Helden und wandte einen erzählerischen Kniff an: Er ließ die Figur herausfinden, dass sie eine Comicfigur ist, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Höhepunkt der Serie ist der Moment, nachdem ein Gegner Buddys Frau und Kinder getötet hatte. Er konfrontierte Morrison persönlich und ließ ihn die Geschichte umschreiben. Viele Autoren, darunter Morrison selbst, haben Animal Man danach geschrieben. Manche versuchten, ihn analog zu Swamp Things Status als Beschützer des "Green" zu einem Schamanen des "Red" zu machen, einer mysteriösen Kraft, die alle Tiere und Menschen miteinander verbindet. Andere versuchten, ihn wieder zurück ins DC-Superhelden-Universum zu führen und bauten ihn in JLA, 52 oder Countdown to Adventure ein. Aber nichts konnte je an die Hefte herankommen, in denen Psycho Pirate in seiner Zelle panische Angst vor dem Einschlafen hat, weil er nicht aus der Continuity herausgelöscht werden will. Oder in denen Buddy dem Leser in die Augen sieht und "Ich kann Dich sehen" sagt.

Und jetzt kommt Jeff Lemire, frisch von seinen Lorbeeren als Schöpfer des Kritikerlieblings Sweet Tooth und Autor einer Superboy Storyline, die Conner Kents Leben in Smallville zeigte. Mal sehen.

Inhalt:

Das Heft beginnt mit einem Interview, das Animal Man einer Zeitschrift namens "The Believer" gibt. Daraus erfahren wir, dass seine Superheldenkarriere in letzter Zeit keine großen Erfolge vorzuweisen hat, dass er aber ohnehin nie der Typ war, der seine gesamte Zeit darauf aufwendet, Verrückte in lustigen Kostümen einzufangen. Stattdessen sah er es als wichtiger an, seine Popularität in produktive Bahnen zu lenken, um beispielsweise auf Tierschutzorganisationen hinzuweisen. Im letzten Jahr drehte er dann zusammen mit Ryan Daranovsky den Film "Tights", in dem ein heruntergekommener Ex-Superheld hartnäckig, aber erfolglos gegen das eigene Scheitern ankämpft. Aber Buddy wird auch weiterhin als Animal Man aktiv sein. Solange die Welt einen Animal Man braucht, wird er da sein.

Ellen Baker, Buddys Frau ist unzufrieden. Noch hat Buddy keine Gage für den Film bekommen. Und das wird auch erst passieren, wenn die kleine Independent-Produktion je ihr Geld einspielt. Und noch hat er nicht einmal einen Starttermin. Außerdem hat Buddy seit längerem nicht mehr als Animal Man patroulliert. Zwar tat er dies auf ihren Wunsch hin, immerhin hatte sie Angst um seine Sicherheit, allerdings konnte sie nicht umhin, festzustellen, dass er seit seinem Rückzug aus dem Superhelden-Dasein etwas unglücklicher wirkt.

Auch Buddys Tochter Maxine hat Probleme. Sie wünscht sich seit Jahren neben ihrem Plüschtier Mr. Woofers einen echten Hund. Aber die Familie Baker kann sich kein Haustier anschaffen, denn wenn sich Buddy zu lange in der Nähe eines einzelnen Tieres aufhält, stört das seine Fähigkeit, die Eigenschaften anderer Tiere anzunehmen.

Das Essen ist fast fertig, als Sohn Cliff in die Küche stürmt. Ein bewaffneter Mann hat ein gesamtes Stockwerk eines Krankenhauses als Geiseln genommen. Buddy sucht ein gewaschenes Kostüm, und Ellen bittet ihn, beim Heimkommen die Stiefel auszuziehen, bevor er das Haus betritt. Und dann fliegt er los.

Und es fühlt sich gut an. Das Interview hatte ihm das Gefühl gegeben, seine beste Zeit hinter sich zu haben. Aber jetzt zu fliegen durchströmt ihn mit Glücksgefühlen. Er wird nie damit aufhören, Animal Man zu sein.

Am Krankenhaus angekommen, erfährt er von einem Detective namens Krenshaw die gesamte Tragik der Situation. Der Geiselnehmer, ein einfacher Koch namens Lyle Edwin, hat vor drei Wochen seine Tochter verloren. Zwei Jahre lang lag sie auf der Kinderstation des Krankenhauses, wo man versucht hatte, ihren Krebs in den Griff zu bekommen. Vergeblich. Und jetzt hat er eben jene Station mit einer Pistole gestürmt und verlangt von den Ärzten, ihm seine Tochter wiederzugeben.A

Animal Man betritt die Station und versucht es mit Deeskalation. Lyle hingegen hat sich in die fixe Idee hineingesteigert, dass die Ärzte seine Tochter irgendwo im Krankenhaus versteckt halten. Er lässt sich nicht durch Animal Man vom Gegenteil überzeugen und schießt. Das Red überwältigt Animal Man für den Bruchteil einer Sekunde. Er nimmt die Panzerung eines Rhinozeros an, die Kraft eines Elefanten, die Reflexe einer Stubenfliege, die Geschwindigkeit eines Geparden und das einschüchternde Bellen eines Hundes. Er schlägt Lyle K.O., doch etwas stimmt nicht mit ihm. Detective Krenshaw fällt es zuerst auf: Animal Man läuft Blut aus Augen, Ohren und Nase.

Die Ärzte können keine Ursache für das Phänomen feststellen. Buddy wundert sich auch, denn er fühlt sich nicht schlecht. Im Gegenteil. Er fühlt sich gesünder und kräftiger als jemals zuvor, seine Verbindung zum Netzwerk des Lebens ist stärker denn je. Er geht nach Hause, grübelnd und sich um seine Familie sorgend. Mit der Fähigkeit einer Katze, sich durch kurze Nickerchen zu erholen, schläft er ein... und träumt wirres Zeug.

Er liegt in einem Wald aus toten Bäumen. Cliff kommt angelaufen, auf der Flucht vor seiner Schwester Maxine, die schlimme, unaussprechliche Dinge mit ihrer Mutter angestellt hat. Cliff selbst hat sie den Bauch aufgerissen und seine Innereien freigelegt. Er stirbt in Buddys Armen. Maxine kommt herbei, in einer Kopie seines Kostüms, mit einem riesigen, geradezu monströsen Mr. Woofers hinter ihr. Sie befiehlt ihm, mitzukommen, vor den Bösen Dingen zu fliehen, die sich als Menschen verkleiden. Vor den Jägern. Die drei erreichen einen See aus Blut. Sehr zu Buddys Schock laufen Mr. Woofers und Maxine direkt dort hinein und tauchen unter, um sich vor den Jägern zu verstecken. Buddy selbst beginnt, sich aufzulösen, seine Haut, sein Fleisch seine Knochen und sein Nervensystem sind schon verschwunden. Alles, was bleibt, sind seine Augen und seine Blutgefäße. Es ist zu spät. Die Jäger sind da. Widerwärtige Chimären mit spitzen Zähnen, Facettenaugen, Tentakeln und langen, stelzenartigen Beinen. Sie sind das Rot (englisch für Verrotten) im Red. Fleischgewordene Krankheit. Und die wahren Väter von Buddys Tochter.

Buddy wacht schweißgebadet auf. Ellen liegt nicht an seiner Seite. Er findet sie und Cliff im Garten, wo beide nicht glauben können, was sie sehen. Maxine, die seelenruhig mit allen toten Haustieren aus der Nachbarschaft spielt, zwar in unterschiedlichen Stadien der Verwesung, aber zu neuem Leben erweckt. Alles, was sie wollte, war ein Haustier.

Fazit:

Animal Man hatte schon viele Genres durchlaufen. Klassische Superheldencomics, Science-Fiction, Fantasy, Morrisons Erforschen der Metaebenen, aber nie war Animal Man so voller Horror wie hier. Von dem alltäglichen Horror des Kindstodes, wie ihn Lyle Edwin durchleben musste, über das Blut, das Buddy verströmt, den mehr als morbiden Traum voller beunruhigender Bilder bis hin zu den Haustierzombies, mit denen ein vierjähriges Mädchen im Garten spielt. Das ist von Dave Wood und Carmine Infantino ungefähr so weit entfernt wie Clive Barker oder Joe Hill von Rosamunde Pilcher.

Eins muss man Lemire lassen. Die Marschrichtung, die er für die folgenden Hefte geplant hat, ist eindrucksvoll vorgegeben. Bereits als wir sehen, dass Animal Man nach dem Relaunch kein leuchtend oranges Kostüm mehr hat, sondern ein dunkles, verhaltenes Blau trägt, wird deutlich, dass wir es nicht mit dem klassichen Animal Man zu tun haben, der vor kurzem noch mit Starfire durch das Weltall düste. Indem er dann auch noch die Realität einer Familie detaillierter schildert, als sie die Comic-Klischees für gewöhnlich darstellen (wann hat man schon einmal gelesen, dass eine Superheldengattin ihren Mann bittet, die Stiefel auszuziehen), schafft es Lemire, innerhalb weniger Seiten eine Vertrautheit zu den Protagonisten aufzubauen. Und damit ist die Fallhöhe, als erst einmal die morbiden, beunruhigenden Horror-Elemente einsetzen, viel größer.

Die Zeichnungen von Travel Foreman passen ausgezeichnet zur neuen Ausrichtung der Serie. Zwar könnte er viele oberflächliche Leser mit seinem dünnen, fahrigen, fast schon krakeligen Strich abschrecken, aber wer etwas tiefer sieht, entdeckt sein wahres Talent. Die Mimik, die er Buddy und seiner Familie, aber auch dem völlig verzweifelten Vater Lyle Edwin verleiht, ist expressiv und glaubwürdig. Kinder wie Maxine oder Cliff haben realistische Proportionen, was bei weitem keine Selbstverständlichkeit im Genre ist. Ellen Baker hat keine Figur wie die Supermodels in anderen Comics (nicht zuletzt in den Anzeigen zu anderen New 52 Titeln im Heft selbst), ist aber auch alles andere als hässlich. Verbunden mit den geradezu liebevollen Details (Kühlschrankmagneten und Messbecher in der Küche, einzelne Büsche in den Vorgärten der Nachbarschaft) erschafft er so eine Atmosphäre des Realismus, die mit Lemires cleverem Skript perfekt harmoniert. Im direkten Gegensatz zur realistischen Atmosphäre des Baker Haushalts steht dann die bizarre Traumwelt mit großen, schwarzen Flächen, mit Traunlogik ineinander übergehenden Panels und natürlich den monströsen Jägern. Wohl dosierte Splashpages, die allesamt auch einen Zweck erfüllen (die Freiheit, die Buddy beim Fliegen verspürt, den Schock, den die drei Jäger oder auch die untoten Haustiere auslösen) runden den visuellen Genuss ab. Und auch die Kolorierung von Lovern Kindzierski schafft es, den ruhigen Szenen eine leise Farbpalette zu geben, um bei Action voll aufzudrehen, während die Traumwelt aus verwaschenen Grautönen besteht, die nur durch kleine farbliche Akzente (blaue Augen, rosa Gedärme, eine rote Blutlache unter dem leblosen Körper des Traum-Cliffs) aufgelockert werden.

Ein Meisterwerk.

Wertung:

10

10 von 10

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